Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde, verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.

Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit, die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.

Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst. Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der sozialen Seite hin nutzbar gemacht.

Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt. Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit führen würde.

Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«, Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.

Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker, der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten, alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.

Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.

Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus, eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.

In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen, selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt, bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende, Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten. Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres, Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.

Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat, die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen, Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos ist?