DER JUNGE:

Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst? Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen. Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.

DER ALTE:

Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und notwendig war?

DER JUNGE:

Durchaus nicht.

DER ALTE:

Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen. Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken. Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet, daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen.

DER JUNGE:

Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist, aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst, kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.