„Fräulein Mirbeth malt,“ erläuterte Helene, das letzte Wort ironisch betonend.

„Ach, eigentlich nur ein wenig. Ich lerne ja noch,“ setzte Mely hinzu. „Ich habe nicht viel Talent und nicht viel Lust. Aber ich muß,“ fügte sie rasch bei, als sie den erstaunten Blick des jungen Mannes bemerkte. „Ich muß,“ wiederholte sie schüchtern. „Man muß doch etwas sein.“

„So–o! – Was malen Sie? Porträt?“

„Landschaft – nur Landschaft,“ sagte sie mit blitzenden Augen, denn der geringschätzige Ton seiner Stimme reizte sie. „Sie wollen wohl auch, daß die Frauen stumpfsinnig bei der Kocherei und bei der Näherei bleiben?“ fragte sie, schon erschreckend über ihre Kühnheit.

„Nein, nein,“ entgegnete Falk stirnrunzelnd. „Sie müssen schon verzeihen“ – er errötete und machte eine linkische Geste – „aber ich meine, wen es dazu treibt, der soll’s treiben. Das ist ja selbstverständlich. Ich spreche ungern darüber, weil man immer dieselben Dinge sagen muß. Gewiß, die Frau soll nicht beschränkt sein in dem, was sie thut, aber auf zehn talentvolle Männer wird doch höchstens eine talentvolle Frau kommen, die es auch um der Sache willen thut. Bei den meisten Frauen ist die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst nichts als eine verfehlte Heirat. Aber das ist ja alles so oft gesagt worden und so selbstverständlich.“

„Ja, Sie haben recht,“ pflichtete Mely bei. Sie sah Vidl Falk ein wenig träumerisch an, ohne sich dessen bewußt zu werden. Durch ein verstecktes Lächeln, das um seine Lippen spielte, erwachte sie gleichsam, und errötend pickte sie mit den Fingern die Brotkrumen vom Tischtuch.

Das Mahl ging unter gleichgültigen Gesprächen zu Ende.

„Sie sehen sehr abgespannt aus, Fräulein,“ sagte Falk beim Thee zu Mely. „Als ob Sie eine große Fußreise gemacht hätten.“

„Ja, ich habe Kopfweh,“ entgegnete sie rasch mit gesenkten Lidern. Seltsam, aufs neue, aufs quälendste erwachte gerade in diesem Augenblick die Reue in ihr. Die Worte Falks erwärmten sie. So vergessen von aller Welt erschien sie sich, daß diese in fast besorgtem Ton gemachte Bemerkung, die doch möglicherweise eine bloße Redensart sein konnte, ihr wie eine Liebkosung erschien. Sie preßte die Hand an die Stirn, wie um zu beweisen, daß sie große Schmerzen habe.

Frau Bender hatte um Entschuldigung gebeten. Sie lag auf dem Divan und war dort eingeschlafen. Helene, in der altjüngferlichen Haltung, die ihr oft eigen war, saß im Stuhl zurückgelehnt und hörte zu, bald Beifall lächelnd, bald grundlos errötend. Eine Riesenrose aus Kreppstoff hing über dem Milchglassturz der Hängelampe und hüllte die eine Hälfte des Raumes in Dunkelheit. Der Divan mit der schlafenden Frau Bender, das Pianino, die Thüre nach dem Schlafzimmer der Familie und ihre braunen Portieren, ein Stahlstich nach einem Hobbema und ein Genrebildchen von Horstik, – das alles lag in Dämmerung. Falk rauchte, und der blaue Dunst schwebte in Schlangenlinien, in feinen Schleiern, in verschnörkelten Figuren, gegen das Licht, über welchem er, von dem heißen Luftstrom erfaßt, blitzschnell nach der Decke emporwirbelte.