Sie möchte, aber sie thut nichts, dachte Mely. Den ganzen Tag faullenzt und träumt sie und ihre Mutter mag sich quälen und abarbeiten. Nicht einmal etwas nähen, nicht einmal bügeln mag sie. „Aber warum zürne ich ihr?“ fragte sie sich gleich darauf. „Vielleicht weil sie etwas Kluges gesagt hat?“ Ja, warum zürnte sie ihr?
„Können Sie auch über mich etwas sagen?“ fragte sie den jungen Mann, indem sie die Ellbogen auf die Kniee stützte und sich weit vorbeugte.
Wieder konnte Falk in ihre Augen blicken, die gespannt und furchtlos auf ihn gerichtet waren; und er vergaß darüber fast, zu antworten. Er wurde verwirrt und strich die schwarzen Haarsträhne aus der Stirn. Er stotterte: „Ich – ich halte Sie für sehr vertrauensselig und – nun ja – für sehr vertrauensselig,“ schloß er, als könne dies eine Wort alle andern in ihrer Charakteristik ersetzen.
Sie lächelte. „Der Herr Oberst sagt immer, ich sei schrecklich mißtrauisch,“ sagte sie leise.
„Der Herr Oberst, – wer ist das?“
„Das – das ist – mein Vormund.“ Ein dunkler Schatten fiel gleichsam über sie und machte sie unruhig.
„Sind Sie hier geboren?“ fragte Falk.
„Nein, ich bin Fränkin. Unterfranken ist meine Heimat. Dort in den Weinbergen, – in Sommerhausen ...“
„Da sind wir ja Landsleute, auch ich bin Franke. Und Sie haben keine Eltern mehr? Auch keine Geschwister?“
Beides verneinte sie. Und es trieb sie, die neue Lüge wahrscheinlicher zu machen. „Ganz allein hab’ ich immer gespielt als Kind,“ erzählte sie. „Meine Eltern ließen mich gar nicht mit andern Kindern spielen. Immer vom Fenster aus hab’ ich zugesehn, wenn die andern so vergnügt waren, – wie eben Kinder vergnügt sind. Und ich durfte nicht mitthun. Es ist merkwürdig, – gerade jetzt träum’ ich so oft von der Kinderzeit, – aber ganz genau, wie es damals war. Ich seh’ meine Mutter noch mit ihrem schwarzen, dicken Haar und dem Scheitel in der Mitte. Meine Mutter hatte nämlich herrliches Haar, ganz blauschwarz. Wie oft hat sie mich für nichts und wieder nichts geprügelt. Sie war jähzornig, gerade wie ich. Und denken Sie, davon träum’ ich oft so deutlich, gerade von den Prügeln.“