Die Erdmann ließ mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche Kopfschmerzen, ich möchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt sie sich schon, das muß ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden Haarbüscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte, das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Für eine Frau, die noch so frisch in den Dreißigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war überrascht: denn ich hatte sie für viel älter gehalten. Gut, daß sie nicht davon weiß.
„Nun,“ sagte sie gleich nach dieser Scene, „wie ich höre, sind Sie stark um Fräulein Mirbeth bemüht?“ – „Ich?“ fragte ich erschrocken zurück. Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber plötzlich sehr ernst und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und klebrig.) „Ich muß Sie warnen,“ sagte sie, und ihre kleinen Augen funkelten lebhaft. „Ich muß Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie nicht in ein Gewebe von Lüge, Falschheit und Hinterlist fallen wollen –“ Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war idiotisch von mir. Wie gewöhnlich fiel mir erst eine Stunde später ein, was ich hätte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.
Mein Gott, warum reden sie mir alle von Fräulein Mirbeth? Ich will nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir sein.
5. Dezember.
„Fräulein von Erdmann ist glühend verliebt in Sie,“ sagte das Fräulein Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer Fröhlichkeit an. Ich lachte. „Halten Sie mich nicht für stark genug, dieses Gefühl zu erwidern?“ fragte ich ernst. Sie nahm es für bare Münze. Helene kicherte. „Die läßt keinen ungeliebt von dannen ziehen,“ sagte sie pathetisch und fügte zöfchenhaft hinzu: „Passen Sie auf, nun werden Sie ins Theater geschleppt. Ins ‚Käthchen von Heilbronn‘ oder in die ‚alten Junggesellen‘.“
Der helle Winterschnee lag draußen, blendend rein und voll Leuchtkraft. Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war mit dem jungen Mädchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie hastig den Blick ab.
„Wie kommt es, Fräulein,“ fragte ich, „daß Sie so leidend aussehn? Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrämten Zug im Gesicht. Sie sind doch nicht unglücklich?“ (Dies „unglücklich“ war albern, dachte ich bei mir) – „Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen möchte, – wie jetzt.“
Sie lächelte. Ich weiß es mir nicht zu erklären, aber ihr Lächeln berührt mich namenlos wohlthätig. Wie ein lichter Schein verbreitet es sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend über das ganze Gesicht. Ich möchte ihr stets ein dankbares Wort, eine Schmeichelei sagen, wenn sie so lächelt. – „Aber ich täusche mich nicht,“ fuhr ich hartnäckig fort, „Sie leiden. Ich will Sie ja nicht danach fragen, – glauben Sie nicht, daß ich zudringlich sei – –“ Ich schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem Augenblick ganz hülflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die Äußerung des Doktor Brosam. „Verstellung! Verstellung!“ rief ich mir zu und sah trotzig zu Boden.
Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den Oberkörper zurück. Sie thut das oft. Es ist, als wünsche sie, freier aufatmen zu können. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck in den Mienen: „Ach, wenn ich reich wäre, – wenn ich reich wäre!“ Ich nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum erzählen hört. „Ich habe ja keinen Mangel,“ fügte sie ein wenig hastig hinzu, „aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, – kurz, ich möchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.“ – „Wenn ich eine Million hätte, ich würde mit Ihnen teilen,“ sagte ich leise. – „Wirklich? Das thäten Sie?“ – Sie schien beglückt zu sein, und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung, dachte ich voll Zorn über meinen Argwohn. – „O, was würden wir dafür alles anfangen!“ sagte sie verträumt. „Das erste, was ich haben müßte, sind ein paar Jucker und die würde ich selbst kutschiren. Und dann – o so vieles, so vieles!“
Ich hörte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glänzender, und während sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von der Schule. Sie stürzte jubelnd auf Fräulein Mirbeth zu, die sie in die Arme schloß, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Küsse auf die Lippen drückte. So heftig, so feurig war sie dabei, daß mir in einer gänzlich unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnürt war.