Gleich darauf rauschte Fräulein von Erdmann herein. „Nun, die Herrschaften sind ja in einem höchst interessanten Tete-a-tete,“ flötete sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dämmerung. Niemand von uns beiden antwortete.
13. Dezember.
Etwas Seltsames ist in mir vorgegangen. Ich kann es nicht verstehen und bin bestürzt, daß es mich weich macht, hoffnungsselig und traumsüchtig. Ja, das Gefühl der Bestürzung ist das Herrschende in mir. Wie kam es nur, wie war es möglich, frage ich mich beständig und es passirt mir, daß ich an allen Pflichten des Werktags wie geistesabwesend vorübergehe.
Ich hatte mit zwei befreundeten Medizinern einen Ausflug nach Tirol verabredet. Wir wollten fünf bis sechs Tage fortbleiben. Am Freitag nachmittag faßten wir den Plan, und abends schon, um neun, wollten wir mit dem Schnellzug nach Kufstein fahren, um dort zu übernachten. Die zwei Kameraden wollten mich um halb neun abholen.
Um sieben kam ich zum Abendessen in die Pension. Mit überlautem Triumph verkündete ich mein Vorhaben, und während die Benders neugierig nach Einzelheiten fragten, schwieg Fräulein Mirbeth, die am untern Ende des Tisches saß, still. Und als ich meiner Freude, die Berge nun im Winterschnee sehen zu können, Ausdruck gab, verfinsterte sich ihr Gesicht immer mehr. Sie sah mich gar nicht an. „Was haben Sie denn, Fräulein?“ fragte ich endlich, und eine dumpfe Besorgnis erwachte in mir.
Zuerst erwiderte sie nichts. Dann stand sie auf und setzte sich auf den Divan. Sie legte die Hände in den Schoß und starrte vor sich nieder. Niemals hatte ich einen so verzweifelten und fassungslosen Ausdruck in ihrem Gesicht beobachtet. Ich setzte mich neben sie. Frau Bender war in der Küche; nur Helene war noch im Zimmer. „Aber was haben Sie denn?“ fragte ich nochmals. – Sie sah mich schnell und mit einem vollen Blick an. „Nein, nein! Sie dürfen nicht fort, Herr Falk,“ sagte sie so flehend, daß meine Augen feucht wurden. Sie betonte das ‚dürfen‘, und ihre Stimme zitterte sonderbar. Sie war heiser.
Ich war weit davon entfernt, hinter dieser Bitte etwas zu suchen. Nur meine Eitelkeit war geschmeichelt. Ich bewies ihr, daß es unmöglich sei, jetzt zurückzutreten. „Ich werde Ihnen schreiben,“ sagte ich lächelnd und auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden. Aber sie sagte nichts.
Draußen läutete es, und ich rief: „Man kommt, mich abzuholen.“ Da stand Mely Mirbeth auf und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Noch immer vermutete ich nichts Ungewöhnliches. Ich sagte mir: nun, sie wird gleich wiederkommen.
Die beiden jungen Leute und ich standen mit Frau Bender im Vorplatz. Es wurde viel gesprochen, und ich machte einige Bemerkungen von zweifelhaftem Witz. „Wo ist denn Fräulein Mirbeth?“ fragte ich mehr als viermal. Aber sie kam nicht.
Jetzt ging dies Seltsame in mir vor.