Plötzlich stand vor meinen innern Augen ein Bild. Ich hatte niemals das Zimmer der jungen Dame betreten. Nun aber sah ich dieses Zimmer, und ich konnte mich später davon überzeugen, daß ich es wirklich gesehen hatte. Es war fast ganz finster drinnen. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf die Decke, und dieser Reflex verbreitete einen schwachen Lichtschein. Ich sah ein Sofa und einen großen runden Tisch. Ein roter Lampenschirm schimmerte schwach durch den Raum.
Auf dem Bett lag das junge Mädchen und hatte den Kopf in die Kissen vergraben.
Mehr war es nicht. Ich sagte mir: das thut sie deinetwegen. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schreck. „Kann es denn sein? kann es denn sein?“ flüsterte ich mehrmals vor mich hin, während wir in der Pferdebahn saßen. Ich erinnerte mich weder an unsern Abschied von Benders, noch an den Weg zur Tramway. Auch an die Eisenbahnfahrt erinnere ich mich nicht mehr. Meine einzige, furchtsame Überlegung war: Kann es denn sein?
15. Dezember.
Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner Hotel zubrachte. Müde zu sein und doch nicht schlafen können, weil ein bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr setzt, eine wilde Jagd von Träumen heraufbeschwört ...
Wie die Berge aussahen, weiß ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie über mich dachten, ich weiß es nicht. Ich meinerseits muß viel einfältiges Zeug geredet haben, denn mir klingen noch grausame Spötteleien im Ohr. Am Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich in den nächsten Postzug und fuhr wieder heim.
Das Coupé war voll von Touristen und Jägern, die unausgesetzt lachten, sangen, tranken und Zoten erzählten. Bisweilen kam ich mir sehr lächerlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfüllten. Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite, schneebedeckte Ebene, die sich allmählich auszubreiten begann, erfüllte mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz hingiebt. ‚Träume nicht! träume nicht!‘ rief es fortwährend in mir, und es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende Ausrufe. Aber das neue Ich ließ sich nicht stören. Es war ein Ich voll Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit der zögernden Schüchternheit und trockenen Nüchternheit des alten Ich. Das läßt sich so gut überdenken bei dem schnellen, regelmäßigen und anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenräder. Allmählich rückte der Horizont immer näher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dämmerte. Eine trübselige, öde Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine geheimnisvolle Düsterkeit über diesem großen Schneeland, dachte der neue Vidl Falk.
Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespältigkeit meines Wesens.
VIII.
Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies aus einem Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung des Balkons.