Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten, stand sie auf und sagte: „Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm. Ich darf das nicht thun – da sitzen bleiben.“
Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. „Eine Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –“
Sie fiel ihm ins Wort. „Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um meinetwillen dürfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wüßten!“ Ihre drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.
Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten. „Ist es denn wahr,“ begann er nach langem Schweigen, „was die dicke Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –“ Er brach ab, denn er bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely wandte sich ihm mit einem Ruck zu. „Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, – was?“
„Ach –!“
„Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!“
„Das kann ich nicht,“ entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung seiner Worte sah.
„Ich weiß schon,“ erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?
Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über ihre Hülflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche, von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen möchte.
Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen, damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen. „Lassen Sie mich,“ flüsterte das junge Mädchen leidenschaftlich, „ich will nicht.“