„Welch ein Narr bin ich,“ stammelte Falk. „Warum mußte ich Ihnen das sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehthun wollte, und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram? Sind Sie bös?“
Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich neben ihr.
Endlich erhob sie den Kopf. „Glauben Sie denn das?“ fragte sie mit feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.
„Ach, ich ärgere mich,“ sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.
„Worüber? Worüber ärgern Sie sich?“ Sie schwieg. Er fragte wieder und wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: „Nicht jetzt; heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?“
„Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?“
Sie errötete. „Frau Bender sagte, Sie hätten eine Einladung.“
„Ich komme bald,“ erwiderte er, beglückt vor sich hinsehend.
Sie schien jetzt heiter zu sein. Träumerisch blickte sie die Straße hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und hing niedrig. Von den Dächern der Häuser schien man ihn mit der Hand berühren zu können. Es begann zu dämmern. Falk setzte sich ans Klavier und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.
Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenüber lag, war rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem großen Blutfleck bei der zunehmenden Dämmerung.