„Und nicht schlafen können, nicht essen können, – wenn man so jung ist, so lebenskräftig, so liebeskräftig, – o es ist grausam! Und dann noch die Sorge ums Allernötigste, der Kampf mit dem Drachen Not, – es ist himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr“ – plötzlich wurde ihre Stimme ganz sanft und schmelzend – „nichts woran ich mich aufrichten kann, außer einem. Wissen Sie, daß ich ihn liebe, daß ich ihn anbete, vergöttere, – den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk –? Ich liebe ihn wahnsinnig!“ Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem Tisch lag, durchs Zimmer, daß er am Spiegelrahmen hängen blieb. „Aber wissen Sie auch, daß dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges und verworfenes Geschöpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes Fräulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und Moral hier sind, wir müssen dafür sorgen, daß dem Treiben dieser Dame Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?“

Die gepuderten Wangen des älteren Fräuleins färbten sich mit dem Rot sittlicher Entrüstung.

„Denken Sie,“ fuhr Emilie von Erdmann fort, „neulich kam diese nette Dame zu mir herein. Weinend fällt sie auf die Ottomane und als ich sie frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, – ich bitte Sie, der „Herr“ Oberst – sei ihrer überdrüssig geworden und darüber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation vor. Natürlich, jetzt geht sie einer höchst unsicheren Zukunft entgegen und da heißt es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann Ihnen übrigens die ganze Komödie ausführlich berichten.“

Erregt und empört verließ Fräulein von Mahnke das Zimmer der noch immer im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm, war: bei Frau Bender die Wohnung zu kündigen. „Es ist mir unmöglich, mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau Bender,“ sagte sie bekümmert. Dann flüchtete sie in ihr Gemach und griff mit tendenziöser Hast nach dem Riechfläschchen.

Eintönig verlief das Mittagsmahl. Selbst Fräulein von Erdmann sprach wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhörte. Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.

Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation, die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinüber- und Herüberträumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.

„Was für eine schöne Hand haben Sie,“ sagte endlich Falk. Er stand auf wie unter einem glücklichen Gedanken und nahm eine Feder vom Schreibtisch. Dann ergriff er lächelnd ihre Hand und sie ließ es willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrückens in kleinen, feinen Buchstaben: „Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem Kampfe.“

Verständnislos und ängstlich sah ihn Mely an. „Wissen Sie nicht, was ich meine?“ neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, daß sie es verstehe, sondern that, als könne sie es immer noch nicht fassen. Da nahm er noch einmal ihre Hand und drückte die Lippen auf die Stelle, die er beschrieben hatte. Mely sträubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf und grub die Zähne in die Unterlippe, starr auf das weiße Tischtuch blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees auf den Dächern.

„Ich muß fort,“ sagte Falk nach langem Schweigen. „Ich darf es nicht aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.“

„Aber wann kommen Sie wieder?“ fragte Mely beunruhigt.