„Vor neun, halb zehn kaum.“

Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, daß Falk von ihrem Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand ließ sie eine der kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.

„Was haben Sie denn, Mely?“ fragte Falk und nahm ihre Hände zwischen die seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.

Mit einer schmerzlichen und gänzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely: „Ach! – weil Sie jetzt schon wieder fortgehn!“ Ungestüm erhob sie sich, ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr Taschentuch und zerknüllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie einen Strom bittern Leids fühlte sie es in der Brust und dies gab sich als körperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie fürchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf. Er trat zu ihr und legte schüchtern seinen Arm um ihre Taille. „Sei vernünftig,“ sagte er sanft und rasch. „Nicht zürnen, bitte! – nicht böse sein,“ (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). „Ich muß ja wirklich fort.“

„Nein – nein!“ erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das gezüchtigt zu werden fürchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk ratlos. „Dann will ich bis sechs wieder da sein,“ sagte er nachgiebig.

Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge Glück davon ab, daß er bliebe. Und doch fühlte sie auch, wie kindisch das sei, und daß er nicht nachgeben dürfe, um von dem Unnahbaren, Bewunderungswürdigen, das er – Gott weiß wodurch – in ihren Augen besaß, nichts zu verlieren.

Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. „Und dann streunen wir ein wenig,“ meinte er lächelnd. Mely sah ihn von unten herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheißungsvollen Blick an.

Falk trat dicht vor sie hin und berührte mit den Lippen ihr Haar. „Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier!“ rief Mely erschrocken. Aber er machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.

„Wie seltsam duftet das Haar,“ sagte er. „Ich glaube, das kann man nie vergessen. Und wie es aussieht, – dies dunkle Wirrsal, ein wahrer Strudel, – und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung. Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der Titel: ein Fragezeichen.“

Wie ein glückliches Leuchten huschte es über ihr Gesicht und aller Kummer verschwand auf einmal.