„Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin?“ begann er wieder. „Die kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der König selbst geht und öffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall die Prinzessin und Sie der König. Wie hätte ich auch sonst zu Ihnen kommen können, wenn Sie nicht eigenhändig das Stadtthor aufgemacht hätten! Ach, es ist närrisch, nicht? Es ist phantastisch,“ murmelte er, sich selbst bespöttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.

Die Thür öffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saßen wie Leute, die sich vom Wetter unterhalten, erröteten Falk und Mely zu gleicher Zeit. Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, daß Falk, der aufgestanden war, mit den Fingern das Rad der Nähmaschine so lange drehte, bis die Nadel knackend brach. –

Später saßen sie allein in einem Seitenzimmerchen des „Marco Polo“. Sie sprachen über die Zukunft, – immer in einer lächelnden und fast romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schönsten Traum erzählen könne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrückte sie, obwohl ihr stets gegenwärtig war, daß sie gestern das letzte Geld, das sie besessen hatte, Frau Bender gegeben und daß sie nun aller Mittel entblößt war. Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wärme des Frühlings das Eis auftauen läßt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres Lebens dahin vor dieser Wärme, die jetzt ihre Seele erfüllte. Bisweilen nur fühlte sie ein schweres Entsetzen, – ein kurzes Erwachen aus tiefem Schlaf. Oftmals brachte sie den größten Teil der Nacht wachend zu und da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob über die Nahrungssorgen.

Als sie den Theesalon verließen, dämmerte es schon und schon brannten die elektrischen Bogenlampen. Rötliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flügelschlag eines sterbenden Vogels.

„Was haben Sie denn?“ fragte Falk das junge Mädchen, das sichtlich zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.

„Mir ahnt ein Unheil,“ sagte sie leise und trostsuchend.

Als sie um die Ecke der Maffeistraße bogen, wurden sie durch das heftige Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestüme Art seine Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie lächelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die Veränderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so weiß geworden wie der Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blöde auf einen einzigen Punkt. Und plötzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren von glühender Röte bedeckt. „Der Oberst,“ sagte sie, mühselig lächelnd. Dieses mühevolle, bedrückende Lächeln empfand Falk wie einen Schnitt ins Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren so deutlich darin ausgeprägt, daß sie wie ein Bild der Zerrissenheit aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte Mely an. Nie in ihrem Leben vergaß sie diesen Blick. Weder Hohn, noch Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung, die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht glänzte wie bei einem guten Spaß. Wie der Oberst ging auch er vorbei, ohne zu grüßen. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor Schmerz. Sie schämte sich so sehr, daß sie nichts thun konnte, als das mühselige Lächeln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Straße voll Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schämte sie sich, und das Lächeln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht erstarrt zu sein.

Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und in die Höhe starrte. Wieder bedeckte eine große Blässe ihr Gesicht, das einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. „Alles ist aus!“ sagte sie leise.

Falk war ratlos. „Was ist aus?“

„Nun er hat mich gesehen mit Ihnen, – und“ ...