„Aber das macht ja nichts. Er weiß doch nicht, wer ich bin. Sie können ihm doch sagen ...“

„Ach, wenn Sie wüßten! Er vermutet jetzt das Allerschlimmste. Er hat mir ja auch streng verboten, auf der Straße mit jemand zu gehen. Selbst mit einer Dame darf ich nicht gehen. Ich darf keine Freundin haben, nichts. Bah, es ist mir wirklich gleich; jetzt lach ich dazu. Es hat eben so sein sollen, das tröstet mich. Ja wirklich, das tröstet mich. Es wäre ja ohnehin zu Ende gewesen, – natürlich. Aber jetzt ist alles aus.“

Diese verworrenen Sätze fielen wie eine wilde Klage von ihren Lippen. Was soll jetzt mit mir werden? dachte sie. Diese Frage folterte sie, daß sie Kopfschmerz bekam. Sie war froh über diese Schmerzen; jetzt verschwand doch das aufdringliche Bild: der lachende Freund mit seinen gelben Zähnen, seinem grinsenden Gesicht. Sie seufzte.

Vidl Falk sah seinen Argwohn plötzlich groß geworden. Dieser Argwohn sah mit finsteren Augen aus seinem Versteck heraus. Er war hungrig und verschlang auch Nichtigkeiten, um sich zu sättigen. Aber er wurde niemals satt.

X.

Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und Falk mußte fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause getroffen hatte. Er hatte sich verspätet. Als das Nachtmahl vorbei war, stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah er Melys blasses Gesicht mit einem bekümmerten Ausdruck auf sich gerichtet. Lange zögerte er; er wußte nicht, was er sagen sollte, um Frau Bender und Helene dies auffällige Warten zu erklären. „In einer Stunde bin ich wieder da,“ murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und stürmte hastig hinaus. Helene lächelte spöttisch. Mely war gereizt und fuhr sie schroff an. „Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?“ Helene zuckte die Achseln. „Wie mißtrauisch sind Sie,“ fuhr Mely leiser fort. „Sie sind mißtrauisch, ich glaube aus Vorsatz.“ Helene schüttelte den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, daß ich dergleichen riskiren darf. Ihre glatte, übergroße Stirn leuchtete wie eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschränkte die Arme und sah vor sich hin mit dem unveränderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen war. Frau Bender nähte, besserte die Wäsche aus und seufzte oft aus schwerem Herzen. „Meine Tochter thut gar nichts,“ klagte sie etwas schüchtern, als fürchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte bloß die Stirn.

Mely hatte sich auf den Divan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand. „Eine Stunde ist lang,“ flüsterte sie in sich hinein und horchte auf das Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekörner knatterten gegen die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer. Ein Schloß im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich, und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein wird ... Aber was thu’ ich da, was für närrische Gedanken sind das! Ich muß mich schämen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bißchen Zeitvertreib, die Männer lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der andere. Wie komisch, – und wozu kann das alles führen. Wie unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so Märchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein, ich könnte lachen, und wenn ich an ihn denke, muß ich erröten. Ob er wohl noch so nett ist, wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Früher einmal, da hatte ich den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich fürchte mich eigentlich. – Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?

Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fühlte sie sich tief unglücklich. Jede Minute, die verstrich, ohne daß er kam, machte sie unglücklicher. Ihr Herz preßte sich zusammen wie unter einem unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren Augen. Endlich krachte das Hausthor, und atemlos, immer noch das Gesicht der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmählich lauter werdenden Schritten auf der Treppe.

Pustend und die Hände reibend, trat Falk ein. „Ah, Fräulein Mirbeth schläft!“ sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wünschte, daß er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er müsse sonst die überstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen können.

„Sehn Sie!“ sagte Falk frohlockend: „Gerade eine Stunde.“