„Ach ja, wie dumm war das!“ rief Falk errötend und ärgerlich. „Aber das ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie nicht?“

Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu verbergen. „Was haben Sie?“ fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr wehe gethan zu haben. „Bitte, sehen Sie mich an!“ Und er ergriff ihre Hand und bedeckte die Finger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand, von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.

„Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?“ fragte Falk. „Das müssen Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?“

„Nicht jetzt,“ entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. „Was ist da auch zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentiren und das Haus in Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das dürfen Sie mir glauben.“

„Mehr war es nicht,“ wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. „Und was wollen Sie jetzt beginnen?“ fragte er.

Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.

Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen, staunende Ausrufe des Wiedersehens. „Das sind Lottelotts,“ sagte Mely. „Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech: sie schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße. O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt mich.“

Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut der Schüchternen: „Du – hast – mich.“ Verwirrt ließ Mely den Kopf sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund, die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das that er aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen! „Wann werden Sie reden? wann endlich reden?“ flüsterte er völlig unmotivirt. „Wirst du denn immer schweigen?“

Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.

Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit wurde an der Thür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. „Es ist Jemand da vom Herrn Oberst,“ sagte sie. „Das Fräulein Mirbeth möchte sofort hinüberkommen.“