„Das wäre sehr keck von mir,“ gab Helene obenhin zurück.

„Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,“ fuhr Falk fort. „Sie haben keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter, – eine ideale Frau.“ Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely gestellt.

In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte davon.

„Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,“ sagte Mely, tief aufatmend. Und dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den Grund eines klaren Sees.

Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: „Ihr Amor da droben hat ja keinen Kopf mehr.“

Er lächelte. „Das ist natürlich. Wissen Sie denn nicht, daß man in der Liebe den Kopf verliert?“

Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.

„Sie sind immer so still,“ sagte Mely. „Sie reden so selten. Und wenn ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein’ ich dann immer, ich hätte eine Dummheit gesagt.“ Sie hielt inne, wie um zu prüfen, welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: „Ich denke mir, Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?“

„Da haben Sie recht,“ erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen, die er für ihre Worte hatte. „Und solche Leute, die immer allein sind, verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die Brüche, sehen Sie.“ (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines Gefühl habe.) „Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studirte den verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?“

„Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?“ sagte Mely. „Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –“