Draußen wurde eine Thüre geöffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je länger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte, gequält von diesem inneren Brand.
Da klirrte die Thürklinke. Die Thüre wurde gar vorsichtig geöffnet, und Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schloß sie die Thüre wieder, wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war die ganze Zeit hindurch im Finstern gesessen, dachte Falk, und diese Vorstellung erfüllte ihn mit Zärtlichkeit und mit Sorge für sie. All seine trüben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen ihn. Er wußte nichts zu sagen, als: „Du bist gekommen –“ Und er wollte auf sie zugehen.
Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und rief flehend aus: „Herr Falk, Sie dürfen nicht du zu mir sagen.“ Rasch eilte sie dem Fauteuil zu und ließ sich darin nieder. Sie drückte die Hände vor das Gesicht und begann zu weinen, – unaufhaltsam.
Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang seinen Arm um ihren Hals, und er preßte ihren Kopf fest und heftig an seine Brust. Vor tiefer Erschütterung konnte er nicht sprechen, und er ließ sie weinen und fragte nicht warum. Sie löste die Hände von ihren Wangen und preßte das Antlitz ganz und gar an seinen Körper, und der Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn völlig verstört, ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so schön. Er beugte sich nieder, – tief, so daß seine Lippen bald die ihren berühren konnten, und nun drückte er seinen Mund auf ihren Mund. Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so heiß wie der Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genuß der Näherung bis zur Neige kostend, geschah dies Aufeinanderdrücken. Und wie angeschmiedet hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preßten sich eines dem andern entgegen, und sie wollten die dünne Decke des Körpers zerbrechen in freudiger, glücklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das große Vergessen war gekommen für beide, die lange und einzige Stunde, die den Entgelt bietet für die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen küßten sie diesen langen Kuß, und Falk saugte die bitteren Thränen ein, die von ihren Lidern niederflossen.
Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wüßte. Was kann der Grund sein? Ist es ein Schuldbewußtsein in ihr? Oder ist es nur, weil jetzt ein liebloses Dasein aufhört für sie? Nein, nein, sie fühlt sich schuldig, das allein ist es! Könnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber sie ist ein Rätsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heißt sie Melusine.
Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum küßte er sie auf die Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider, auf die Wangen, küßte ihre Thränen fort und dann wieder auf die Lippen, daß sie sich öffneten wie Kelche und er die Zähne küßte. Als ob sie sich hätte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bäumte sich bisweilen auf, bevor sie sich seinen Küssen ganz hingab. Dann umarmte sie ihn, und aufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich fest an ihn. „Warum weinst du?“ fragte Falk fassungslos. Aber sie schwieg. „Warum weinst du? Warum weinst du?“ drängte er. Sie schüttelte den Kopf und preßte sich wie schutzsuchend an ihn. „Ist es meinetwegen?“ fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. „Deinetwegen? Ist es wegen des Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch!“ – „Ach, ich weiß es ja nicht,“ flüsterte sie schmerzlich. – „Liebst du mich denn? Liebst du mich? Sag Schatz, küßt dich der Oberst auch?“ – Sie nickte, und als er sich abwandte, legte sie schüchtern den Arm um seinen Hals und sagte hastig, ihn zu sich herziehend: „Aber nicht so wie wir.“ Und sie lächelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfüllt, was sie zusammengeträumt, all das Glück und die bittere Schönheit dieser heimlichen Liebe.
„Küsse mich,“ bat Falk, aber sie schüttelte den Kopf, halb neckend, halb betrübt. Er schloß sie so fest in die Arme, daß sie seufzte, und über eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe: wunderbar und überaus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt, nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzuführen.
Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mißtrauen in Falk. Er schaute finster in die abnehmende Kohlenglut; dann erhob er sich und schraubte die Lampe etwas niederer. Ist es denn möglich, daß sie ahnungslos in aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und er stand in tödlicher Furcht vor einer Thatsache, die viele Andre ausgenützt hätten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu ihr und küßte sie bedachtsam und zärtlich. Dann nahm er ihre beiden Hände und blickte sie unverwandt an. Er studirte die Linien ihres Gesichts in diesem bläulichen Dämmerlichte, und er fand Manches daran auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflügeln aus abwärts? grübelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber sie sind da. Und diese Züge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren Einzelheiten eine Minute lang förmlich verhaßt. So wird es sein, so lange die Welt steht: Haß und Liebe werden nebeneinander einhergehen, eng verschwistert.
Er ließ sich auf die Kniee nieder und spielte ein wenig Komödie. „Immer wirst du bei mir bleiben, ich laß dich gar nimmer fort.“ Und er zog ihren Kopf herab, wo es völlig Nacht war. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklärend und forschend. Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttäuschung erfüllten sie plötzlich, und sie vermochte kaum zu reden. „Nein, ach nein,“ preßte sie hervor, außer sich vor Jammer. „Nicht das, – niemals, wenn du mich nicht töten willst.“
Schuldbewußt legte er den Kopf in ihren Schooß. Und Melys Finger krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. „Sag, hat der Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was – verstehst du mich denn nicht?“ Mühsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht dabei. „Nur das Eine sag: hat er es gewollt?“ drängte er und umklammerte ihre Hand.