„Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.“

Warum habe ich ‚das ist wahr‘ gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt und beschwörend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drückte den Kopf tiefer in ihren Schooß. „Schatz, süßer, süßer Schatz,“ stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann löste er ihre Frisur, indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und streifte das lange dunkle Haar über seinen Kopf. Drohend und immer drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schüren. Rätselhaft war sie ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit jeder Minute. „Wie still ist die Nacht,“ flüsterte er. „Wirst du je diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich je vergessen? Wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du liebst? Ach, wer hätte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, – o, warum wendest du dich denn ab? Fürchtest du dich vor mir?“

„Ja –“ hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging durch ihren ganzen Körper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Güte darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade, das Märchenhafte beseligte sie, und seine Güte zog sie zu ihm hin. Noch immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn ansah, und seine wilden Küsse durchdrangen sie bis ins Mark.

„Was hast du für herrliche Augen,“ begann er nun wieder, und lehnte seine Wange an die ihre. „Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider aufschlägst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz kleines Kind, – o, das ist herrlich!“

Wenn Jemand, durchnäßt vom Regen, heimkommt und in wärmende Kleider geschlüpft, lächelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so empfindet er ungefähr das wohlthuende Behagen, das Mely bei diesen fast wehmütig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fühlte sich klein und förmlich bußbereit; sie mußte die Augen schließen, und in den Minuten, in denen er nicht sprach, suchte sie sich schöner, verheißungsvoller Träume zu entsinnen, um das Märchengleiche dieser Minuten nicht zu verletzen.

„Sieh, jetzt wird das Licht aus sein,“ fuhr er fort, indem er immer leiser sprach, wie eingeschüchtert durch die größere Dunkelheit. „Sag, wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Ich will nicht schwören,“ – seine Stimme zitterte – „aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube, das bedeutet mehr, wie schwören: nie, nie will ich aufhören, dich zu lieben.“ Er hatte ihr das Gewand aufgeknöpft, und hatte seine Hand wirklich auf ihre bloße Brust gelegt, in der das Herz hämmerte, wie gejagt.

Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flämmchen, das noch übrig war. Dann füllten ihre Augen sich mit Thränen, und sie konnte sich nicht enthalten, zu schluchzen. „Was hast du, Schatz?“ flüsterte er, sie stürmisch umfassend. „Bitte, sag doch blos, was hast du? Antworte, du bringst mich ja zur Verzweiflung.“

Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst, wie seltsam das alles war, wie die dunkle, späte Stunde und das enge Beieinandersein die Gefühle krankhaft verfeinerte und übertrieb. Wie hätte sie ihm sagen können, daß schon der Gedanke an ein Aufhören seiner Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfüllte ... Vieles hätte sie ihm noch mitteilen mögen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wußte, wie kindisch und blöde diese Scheu war. Sie erwiderte schüchtern seine Küsse, als bäte sie ihn dafür um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und drückende Bewußtsein, daß in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine, gegenwärtige, war ein mädchenhaftes, liebevolles Geschöpf, rein und gut und frevellos. Aber das andere war ein gefährliches, wetterwendisches und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfaßbar. Ganz plötzlich, wie durch Ahnung, wurde er sich dessen bewußt. Aber er küßte sie, und je mehr er sie küßte, desto unersättlicher wurde er. Traumhaft und voll von unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden für ihn. Sie standen beide vor der Schwelle jenes schwülen, finsteren Glücks, das zur Auflösung jedes persönlichen Bewußtseins führt. Und sie haschten nach dem Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.

Da schlug es fünf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.

Er begleitete Mely bis zur Thür ihres Schlafgemachs. Unter der Thüre umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu müssen, und dann kehrte Falk auf den Fußspitzen in sein Zimmer zurück.