Er schraubte die Lampe wieder hoch, und saß noch lange wachend im Lehnstuhl. Ein träumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunächst war er verwundert, daß alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte, in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens, ohne daß sie deshalb aufgehört hatte, ein Wunder, ein Rätsel für ihn zu sein. Auch war sie noch gegenwärtig; der Duft ihrer Haare war noch im Zimmer. Noch empfand er die Wärme ihres Körpers, noch spürte er das bittre Naß ihrer Thränen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er wußte, daß sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern daß sein Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und doch, wenn er sich genau prüfte, so mußte er sich gestehen, daß etwas wie Übersättigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder Mensch von einem Vergnügen scheidet, das ihn vollständig zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm Platz, daß er noch eine Cigarette anzündete, und behaglich schmauchend in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und vergnügt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Fülle geschmeichelter Eitelkeit.
Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu verunreinigen, daß er sich zufrieden fühlt.
XII.
Als Mely am andern Morgen erwachte, fiel es ihr schwer, sich auf die Vorgänge der Nacht zurückzubesinnen. Und als ihr diese klar wurden, erschrak sie bis ins Herz. Sie klagte sich eines unverzeihlichen Leichtsinns an und faßte den Entschluß, Vidl Falk gar nicht mehr zu begegnen. Was muß er von mir denken! dachte sie beständig und faltete die Hände, so unbegreiflich erschien ihr, was sie gethan. Eingeschlummert war sie, den süßen Druck seiner Lippen gleichsam nachkostend, und jetzt zeigte ihr das Tageslicht die ganze Bitterkeit eines Fehltritts. Trotzdem es schon zwölf Uhr war, konnte sie sich lange nicht entschließen, das Bett zu verlassen. Überdruß und Furcht beherrschten sie; hauptsächlich fürchtete sie eine Begegnung mit Falk. Ich werde in meinem Zimmer essen, beschloß sie. Ich werde auch den Nachmittag über da bleiben. Aber mein Gott, am Abend ist ja der Ball des französischen Clubs, zu dem auch er gehen wird. Es ist unmöglich, auszuweichen....
Aber als sie angekleidet war, als sie die Fenster geöffnet hatte, als die strahlende Schneelandschaft vor ihr lag, blendend und glitzernd, leuchtend und förmlich fleckenlos, fühlte sie sich bald froher. Die Träume waren es, dachte sie, die mich so unzufrieden gemacht haben. Der Rauch stieg in dünnen Säulen empor. Die Glöckchen der Fuhrwerke tönten nah und fern, und von dem Blechsims des Vorfensters erhob sich der farblose Dunst des verdampfenden Schneewassers.
Wie bangte ihr aber trotzdem vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen! Ein haßähnliches Gefühl gegen Falk stieg in ihr auf. Er muß mich ja verachten, grübelte sie; was sind das für Beteuerungen, die ein Mann giebt in der Nacht – – und ich habe mich ihm an den Hals geworfen, das ist klar. Sie erbleichte bei dieser Überlegung. An allem begann sie zu zweifeln und am meisten an der Aufrichtigkeit ihrer eignen Gefühle.
Im Korridor stelzte Helene gravitätisch einher. „Was ist denn los?“ fragte Mely, belustigt von der komischen Gespreiztheit des Mädchens. Helene tippte den Finger an den Mund und blieb gedankenvoll stehen. „Pst! Nicht reden!“ lispelte sie. „Die dicke Gnädige hat Migräne. Sie leidet an Tobsuchtsanfällen. Schon um zehn Uhr hat sie nach Herrn Falk geschickt. Natürlich, der ist billig.“
Mely runzelte die Stirn. Einem Stich gleich empfand sie Eifersucht, doch nur eine Sekunde lang. Dann erschien ihr das lächerlich, nur die Sorge beschlich sie, daß jenes Weib mit Verleumdung umgehen möchte. Doch geheimnisvoll ergriff Helene sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer der Familie. Dort lag über einer Stuhllehne ihr kanariengelbes Ballkleid. Es war im Empirestil gehalten. An manchen Stellen ging die Farbe in rostiges Orange, an andern in ein sattes Dottergelb über. Mely war entzückt. Im Innern überlegte sie, wie sie wohl von diesem Ball loskommen könnte. „Ich gehe so ungern mit, Helene,“ sagte sie. „Sie wissen ja, daß der Oberst nichts davon erfahren darf. Und diese Heimlichkeit – ach!“
Dann mußte sie ins Wohnzimmer. Ihr bangte davor. Sie wußte, daß Falk drinnen war, und mit klopfendem Herzen öffnete sie die Thüre.
Er war allein da. Als sie ihn sah, füllte sich ihre Seele mit einer Flut neuer Liebe. „Wie hast du geschlafen?“ flüsterte er hastig. – „O herrlich,“ gab sie zurück, mit funkelnden Augen und jenem erwärmenden Lächeln, das sie so merkwürdig machte.