Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zum Ball. Als Mely fertig war, trat sie zu Falk und sagte mit unterdrückter Stimme: „Soll ich dableiben? Ja? –“ Er sah sie bestürzt an. Sie zitterte. Hinter dem dünnen Spitzengewebe des Dominos schimmerte ihre Brust. Er hatte ein schwindelähnliches Gefühl und ohne den Blick von ihr abzuwenden, versuchte er, sorglos zu lächeln.
Dann fuhren sie zum Luitpold-Block. Der Ball war sehr besucht. Es gab viele befrackte und eilfertige Herrn mit einfältigen Gesichtern. Sie trugen das Bewußtsein ihrer Vornehmheit spaziren. Sie schwitzten und lächelten sanft, beinahe vorwurfsvoll. Manche standen ernst und wächtergleich an Säulen und sie gähnten in wohlvorbereiteten Pausen. Ihre Haltung war kühl und welterfahren. Was die Damen betrifft, so lächelten sie ohne Ausnahme: ein offizielles, temperamentvolles Lächeln.
Falk tanzte nicht. Er war niedergeschlagen. „Ohne Zweifel sehe ich aus wie alle andern jungen Herrn,“ sagte er sich. „Nur ist meine Rolle noch komischer. Ach, das Leben muß heiter sein, denn diese Leute sind sehr fröhlich. Man erwartet von Jedem, daß er lustig sei. Bunt und sorglos ist das Leben und die schwarzen Philosophen sind im Unrecht. Da ist Frau Lottelott, sie tanzt mit Feuer und ihr Gesicht ist krebsrot. Und diese Frau soll unglücklich sein, sagte Helene. Sie sollen oft kaum zu essen haben. Siehe, auch Frau Bender tanzt. Sie wird sich hübsch zurichten bei ihrem Leiden ...“
Sein Gesicht verfinsterte sich und er preßte boshaft die Lippen zusammen. Er wollte nicht nach der Richtung sehen, wo Mely tanzte. Er fand die Musik unerträglich und machte die Beobachtung, daß alle Leute beim Tanz ein sehr blödes Gesicht zeigen. Einige sahen traurig aus, andre witzig, einige senkten die Lider, andre richteten die Augen verzückt nach oben; manche machten Bewegungen, als wollten sie im Finstern eine Treppe besteigen und fänden die Stufen nicht. „Alle diese Gesichter hasse ich bis auf den Tod,“ murmelte er und der Walzer, das Kleiderrauschen, das Schlürfen der Tänzer, das Lachen und Liebeln, all das schmerzte ihn bitter. Sein Gesicht überzog sich mit Leichenblässe, als er Mely dicht neben sich mit einem kleinen, weißblonden Herrchen vorübertanzen sah. Sie konnte über ihren Tänzer hinwegsehen, aber sie schlug die Augen nicht auf, ihr Gesicht hatte einen angestrengten und leidenden Ausdruck und sichtlich mühevoll schleppte sie den kleinen Mann mit sich fort. Ihre Frisur hatte sich ein wenig gelockert und darüber empfand Falk Schadenfreude.
Er schlich in einen Nebensaal, wo nur einige Flammen brannten. Ein paar alte Damen saßen in einem beleuchteten Winkel tuschelnd beisammen. Unterwegs hielt ihn Frau Bender an und machte ihm über sein mürrisches Wesen Vorwürfe. „Warum sind Sie so uninteressant?“ fragte sie. „Sehen Sie mich an. Ich habe mehr Sorgen als Likör und fühle mich doch wie neugeboren.“ Wenn sie witzig sein wollte, schlug sie stets einen melancholischen Ton an.
Kurze Zeit hatte er im Halbdunkel gesessen, als Mely auf ihn zuschritt. „Mich friert,“ sagte sie und nahm seufzend Platz. „Weshalb so verstimmt?“ fragte sie plötzlich besorgt und ergriff seine Hand. Und als wüßte sie, was in ihm wühlte, setzte sie hinzu: „Ich bin ja so ungern hier! Viel lieber wär ich daheim. Ich bin ganz krank vor Angst.“
„Angst –?“ Er zuckte verächtlich die Achseln. „Nun, war der Tanz recht unterhaltend?“ fragte er hart und höhnisch.
Sie bejahte trotzig. Aber als er aufstehn wollte, hielt sie ihn zurück. „Das dürfen Sie nicht sagen!“ flüsterte sie mit unterdrücktem Händeringen.
„Sie –! Warum Schatz, – warum sagst du nicht du zu mir?“
„Ich kann ja nicht.“ Sie war verlegen.