„Dann sag ich auch Sie.“

„Bitte, – nein.“ Und sie lachte ihn glückselig an. Mit einer müden Geste ordnete sie das Haar und Falk ließ sie nicht aus den Augen. Er vermochte sich ihrem Blick nicht zu entziehen. Ein feiner und bedrückender Zauber war in ihren Augen verborgen, die einen kindlich rührenden, klagenden Ausdruck hatten. Aber seine Gedanken nahmen eine feindselige Färbung an. Hier sollte sie nicht sein, dachte er. Das entfernt uns. Überaus zart ist diese junge Liebe. Sie erträgt weder fremde Augen, noch erträgt sie Vergnügungen und Tanz. Wie sie voll ist von Furcht. O, wenn ich wüßte, was hinter dieser Furcht versteckt ist! – Und wie Alkohol stiegen ihm Zweifel und Argwohn zu Kopf, so daß er die Gegenstände um sich her kaum erkennen konnte.

Als sie dann an Frau Benders Tisch Platz genommen hatten, brütete er finster vor sich hin. Er rauchte unablässig. Helene beobachtete bald ihn, bald Mely. Ihre Mutter hatte sich einer maßlosen Fröhlichkeit überlassen. Sie war ein wenig betrunken, redete und lachte unablässig mit Frau Lottelott und hatte in Wirklichkeit alle Sorgen ihres Lebens vergessen.

Falk wandte sich endlich an Mely, während Helene ging, um zu erhorchen, ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn es Mitternacht werden sollte, würde er kommen.

Mely hörte erst gar nicht auf ihn. Unablässig suchend, wanderte ihr Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann es nicht begreifen.

„Sie haben mir noch nie erzählt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst eigentlich ist,“ begann Falk. „Wenn ich Sie so beobachte, muß ich ihn für einen wahren Räuberhauptmann halten.“

„Nein, nein,“ antwortete sie. „Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von maßloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon gequält! Die reinsten Schurkenstreiche hat er schon verübt an mir; und doch ist er dann wieder so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrückt, darüber nachzudenken. Wenn Sie ihn kennen würden, Sie wären sicher begeistert von ihm, Sie würden mich für die größte Lügnerin halten.“ Sie hielt inne, denn sie sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig in die Ferne.

Und plötzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen öffneten sich unnatürlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine Totenblässe überzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich. Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als daß zwei neue Ballgäste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen waren. „Was ist Ihnen denn?“ fragte er mit heiserer Stimme, während er wie hülfesuchend Frau Bender anschaute. „Der Hausarzt des Obersts,“ stotterte Mely, beide Hände auf die Brust legend; „er darf mich nicht sehen, um keinen Preis.“

„Wer? wer denn?“

„Doktor Wendland.“