„Ich – hätte gelogen?“ Eine flüchtige Blässe ging über Melys Gesicht.
„Also –; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wäre sie noch so furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, daß ich kein Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen; ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden nicht länger tragen.“
„Aber mein Gott, was denn?“ flüsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz aufgelöst in Bangnis.
„Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, – wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!“
Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte zornig die Lippen zusammen, und dann sagte sie kalt: „Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich doch damit. Ich will nichts hören.“ Sie streckte sich aus im Bett und blickte zur Decke.
Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: „Ich werde ja sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, daß du mir alles bist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe, weiß Gott, ich machte nicht viel Umstände. Aber du bist mir teuer, ich schwöre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schüttelte langsam den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, daß ich diesen drückenden, heißen Schmerz des Argwohns noch hätte, selbst wenn ich aufgehört hätte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!“
Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff schüchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick förmlich in den seinen, und diesen Blick vergaß er nie: so reich war er an Verzweiflung und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: „Schau, warum soll ich dich denn anlügen? (Wie froh und beglückt war er über dies plötzliche Du!) Das könnte doch keine ewige Lüge bleiben. Du willst nicht sehen, wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb mußt du auf das Geschwätz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgültig geworden, was die Leute sagen, – ach!“
Unaufhörlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen waren so sehr erfüllt von Treuherzigkeit und Offenheit, daß Falk erleichtert aufseufzte. Er drückte ihre Hand und schwieg einige Zeit, wie überlegend. „Nun gut, ich glaube dir,“ sagte er endlich. „Und ich will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis in alle Zukunft. Aber das will ich dir sagen: wenn du mich getäuscht hast – und du weißt ja, alle Lügen kommen ans Licht, – wenn du mich betrogen hast, werde ich zuerst dich erschießen und dann mich.“ Wie romanhaft klingt das, dachte er bei sich. Aber Mely lächelte zustimmend, und ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sehnte sie sich, geküßt zu werden. Ihr Wesen hauchte eine wilde, beengende Glut aus. „Liebst du mich denn auch wirklich?“ fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch: „Bitter.“ Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.
Sie erzählte ihm von der neunjährigen Gefangenschaft im Kloster. Dann habe sie der Oberst zu sich genommen. „Seine Frau lebte damals noch, und er hat sie auf Händen getragen. Als sie starb, war der Mann ganz wahnsinnig. Er tobte und schrie: ‚Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich mit,‘ als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage später gab er mir schon zu erkennen, daß er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und – kurz und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen, armen Verwandten in Thüringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mußte ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.“
„Nun, und dann?“