Frau Bender traf er an diesem Tag in großer Niedergeschlagenheit. Ihr Sohn hatte aus Chicago geschrieben, daß der Vater mit einer fremden Frau lebe. Das hätte sie an sich nicht zu Boden gedrückt, aber er schickte auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Fräulein von Erdmann konnte nicht zahlen, auch Falk war im Rückstand. Das ganze Hauswesen war zerrüttet. Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit fortgezogen.
„Lottelotts kommen auch nicht mehr,“ sagte Frau Bender beim Thee. „Sie haben mich durch Helene wissen lassen, sie könnten nicht mit einer Person wie Fräulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.“
Falk brauste auf.
„Ja sehen Sie, man erzählt sich eben sehr viel,“ fuhr die Hausfrau bedauernd fort. „Auch Fräulein von Erdmann hat verzichtet, beim Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Fräulein von Mahnke ausgezogen? Nur deswegen. Ich muß ihr kündigen, ich bin es meinen Kindern schuldig.“
Falk erbleichte bis in die Lippen. „Das werden Sie aber unterlassen, Frau Bender –! So viel Zartheit, – um Gottes willen!“
Frau Bender versuchte einzulenken. „Ich glaube ja alles Gute von ihr, obwohl – – Persönlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr gern, – aber urteilen Sie doch selbst. Früher, – was für Zwistigkeiten waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und geschrieben, daß sie zu stolz sein müßte, ihn anzureden, – und nun, mit welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Fülle von Geschenken –“
„Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender,“ unterbrach sie Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverläßlichkeit des Frauenherzens handelt.
Heute gewann Frau Bender.
Ich muß handeln, dachte Falk, ich muß mir Beweise verschaffen und dann, – Gott sei mir gnädig. Er wollte sich nicht eingestehn, daß er sich fürchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, beständig tastete er mit der Hand an die Schläfe und schloß die Augen, wie um nicht sehen zu müssen, was er so sehr zu sehen wünschte. Was hilft es auch, grübelte er; ich bin ihr gleichgültig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser Gedanke überwog alle andern.
„Sie haben sich wohl verfeindet mit Fräulein Mirbeth?“ fragte Frau Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: „Seien Sie doch stark und lassen Sie sich nicht so sehr niederdrücken.“