„Nun?“
Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich, daß er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: „Ach, ich mag dich halt nimmer.“
Falk trat zurück und schlug erschüttert die Hände zusammen. „Das also!“ – „Warum?“ fragte er nach schier endlosem Schweigen.
„Mein Gott, da kommt so vieles zusammen,“ sagte sie immer noch weich, gleichsam flehend. „Deinetwegen und meinetwegen.“
„Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? – Ja, du hast mit mir gespielt,“ murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu können. „Wie dumm war ich doch! Wie ein Hündchen hing ich an dir. Ich habe dir meine Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.“
„Das war das Unglück, ja. Übrigens, was hat es für einen Zweck? Es ist doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit käme, bin ich eine alte Schachtel.“
„O ich könnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte Schachtel könnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft, das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstört. Du betrachtest mich nie mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt.“ Der Schmerz verschloß ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und rührte sich nicht.
„Wirklich? Ist es denn wirklich wahr?“ begann Falk wieder und näherte sich ihr. „Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist es denn wirklich wahr?“ Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. „Sag, soll ich gehn?“ fragte Falk. „Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich bleibe. Willst du? Willst du?“ Aber sie blieb stumm und nagte bloß an ihrer Unterlippe. Da ging er.
Als er draußen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thränen. Sie blieb an diesem Abend in ihrem Zimmer.
Falk besuchte das Fräulein von Erdmann und führte mit ihr tiefsinnige Gespräche über den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem Äußern wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer größeren Verfalls zeigte, wollte davon nichts hören. Sie stritt für die Lebensfreude und für die Liebe und ließ den jungen Mann merken, daß er alle Gluten jungfräulicher Leidenschaft bei ihr finden könne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie versperrte sogar die Thüre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer berührte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbärmlichkeit und es hatte Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemütigt worden war. Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rücksichtsvoll. Zum Schluß allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt geführt wurde.