Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht gedachte er ihrer Küsse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen berührt, mit Andacht oder mit heißem Verlangen, die sich jetzt nimmer für ihn öffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein künstliches Gefühl des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht überfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.

Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein großes Paket. Falk war im Wohnzimmer, als sie es öffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte, als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glück. Rasch kleidete sie sich um und eilte hinüber, um zu danken.

„Wie unzart von Fräulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so über die Geschenke zu jauchzen,“ sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster lehnte.

Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte sein Geld, hielt Selbstgespräche auf den Gassen, wobei er weite, ausdrucksvolle Gesten und ein bekümmertes Gesicht machte.

Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnächten, als er heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. „Ich bin zertrümmert,“ sagte er oftmals für sich und schüttelte verwundert den Kopf.

In seinem Zimmer angelangt, kühlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel tausend Stimmen schrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrügt mich, dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.

Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthüre. Er horchte lange, dann drückte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und unhörbar trat er ein. Ohne sich zu rühren, blieb er lange Zeit an ihrem Bett stehen und lauschte ihren Atemzügen. Schwach fiel der Schimmer des Mondes auf ihre weiße Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte Falk, sogar jetzt läßt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und küßte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.

Den folgenden Tag über sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen, daß sie ihn hasse. Überdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im Begriff, über die Scherze der Frau Kremer züchtig zu erröten. Clodi allein sprach öfter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben Anzüglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem Lächeln jemand das Herz leicht zu machen. „Ein Gesicht machen Sie, als ob Sie Einen erschlagen hätten,“ sagte sie zu Falk. „Lachen Sie doch! Marsch!“ Und sie versuchte, ihn am Halse zu kitzeln. „Wissen Sie nicht, was mit Fräulein Mirbeth ist?“ fragte sie ihn flüsternd. „Die sitzt jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht ...“

Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. „Ich bitte dich, was hast du gegen mich?“ begann er sogleich. „Sag mir alles, ich bin auf alles gefaßt.“

Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und schaute unbeweglich zur Decke. „Ach, das ist doch sehr einfach,“ sagte sie langsam, als er nicht aufhörte, sie zu bedrängen.