Wie sehr quälen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches Mißverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heißen Wunsch, aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr nicht grollen. Ich möchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine stürmische Leidenschaftlichkeit sie zu überwältigen droht. Wie viel sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete täglich – scheinen sie oft zu sagen – daß du mich erwerben mögest, aber ich verdiene deine große Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so muß ich mir sagen: Unmöglich ist es, daß dieses stolze, zarte Weib sich jemals einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine Zweifel ab.

13. März.

Ich erhielt Nachricht, daß der einzige Oheim, den ich noch mütterlicherseits besitze, in Biarritz schwer erkrankt sei. Wenn er stirbt, so erbe ich etwa achtzigtausend Mark, falls nicht auch er mich mit dem Anathem belegt hat.


Ich kam zu Mely ins Zimmer, als sie gerade mit dem Ausräumen ihres Schranks beschäftigt war. Heiter sah ich ihr zu, und ich war beglückt, wenn sie sich mir auf einige Schritte nahte, und ich erschrak und sehnte mich nach ihr, wenn sie in eine Ecke des Zimmers ging. Wir sprachen nicht, aber sie empfand meine Gegenwart, und in jeder Bewegung drückte sich das Bewußtsein aus, mich nahe zu wissen. Plötzlich fiel ein schwerer Gegenstand zu Boden. Ich blickte hin und gewahrte einen Revolver. Lächelnd fragte ich, was sie denn mit der Waffe anfangen wolle. Mely war jedoch totenbleich geworden. Zitternd schaute sie auf den Revolver hinab und ihre blutleeren Lippen suchten vergebens nach Worten. Da ward mir heiß. Ich sprang auf und trat zu ihr hin. „Was hat es für eine Bewandtnis mit dem Ding?“ fragte ich erregt. Sie sah mich wie geistesabwesend an und flüsterte: „Ich weiß nicht.“

Kurze Zeit darnach, als sie sich wieder gefaßt hatte, erzählte sie mir eine Geschichte; daß ihr der Oberst den Revolver zur Jagdausrüstung geschenkt habe, daß man einst drüben nach Karten geschossen und daß sie unvorsichtigerweise den Oberst mit einem Schuß am Arm gestreift habe. Aber ich fühlte es deutlich in meinem Herzen: es war nur eine Geschichte, schnell erfunden und nicht einmal gut erfunden. Wie sehr empfand sie, daß ich die Lüge ahnte! Sie wagte nicht mehr, mir frei ins Auge zu sehn. Das brennt mich wie Feuer.

14. März.

Ich erhielt den Besuch des Fräuleins von Erdmann. Sie schilderte mir in tragischer Deklamation ihre bittere Lage und ich muß gestehn, daß ich großes Mitleid mit ihr hatte. Zum Schluß fragte sie, ob ich ihr nicht zweihundert Mark leihen könne. Ich mußte lachen, so sehr ich mir auch Zwang anthat. Ich armer Teufel habe also doch verstanden, den Schein einer sicheren Existenz aufrecht zu erhalten. Das erfüllt mich beinahe mit Stolz und ich bin zufrieden mit mir. Aber ich wurde traurig über dies zerstörte Leben, welches da vor mir saß; und so bombastisch und so monumental die beleibte Dame auch ihre Rolle der Erniedrigten und Elenden spielte, ich begriff doch, daß hier das Schicksal einen wuchtigen Faustschlag geführt haben müsse, um so viel Herrischkeit, Eigenliebe und Stolz zur Pose einer Bittstellerin herabzuzwingen. Ich suchte zu trösten und zu ermutigen.

Alles in diesem Hause geht seinem Ruin entgegen. Die „Pension“ ist nur noch ein frommer Titel. Frau Bender ist beim Fleischer, beim Bäcker, beim Krämer so tief verschuldet, daß sie nichts mehr kreditirt erhält. Ich sehe nur gesenkte Köpfe und gerötete Lider. Die Pension war zum Verkauf ausgeschrieben, aber Niemand hat sich beworben. Jetzt sollen die Möbel veräußert werden. Die Familie will auswandern.

Die Einzige, die herumgeht, heiter und guter Dinge, ist Helene. Sie thut, als ginge sie das alles gar nicht an. Sie lächelt, als ob sie sagen wollte: die Mutter ist ja da, sie muß nun einmal dafür sorgen, daß wir genug zu essen haben.