17. März.

Fräulein von Erdmann ist ausgezogen, Niemand weiß, wohin. –

Mely kam zu mir ins Zimmer und weinte. Sie redete nichts, sie gab auf mein Fragen keine Antwort: sie weinte und ging wieder. Es legt sich wie ein nasser Dunst um meine Augen und mir bangt vor Kommendem. – Dann am Abend sagte sie mir, daß sie oftmals in der Nacht aufwache und weinen müsse. Sie wisse nicht warum, aber die Thränen überwältigten sie.

„Was wirst du thun,“ fragte ich sie, „wenn ich dich verlasse, wenn ich eine Andere liebe –?“ Sie zuckte die Achseln. „Nichts. Ich werde vielleicht traurig sein, aber ich werde mich trösten.“ – „Nein, nein, das ist nicht wahr. Du wirst nicht länger leben mögen, –“ – „O, wie sehr täuschst du dich! So viel Kummer warst du doch dann nicht wert.“ – „Ja, du hast recht. Aber ich könnte niemals von dir lassen.“ – „Geh, geh.“ – „Ich wollte, es wäre nicht so. Doch lieb ich dich mit allem was ich bin und thu und denke. Du bist ein Bestandteil meines Körpers geworden, und wenn wir uns trennten, wärs, wie wenn man mir einen Arm amputirte.“ Sie lächelte seltsam und seufzte. „Und du,“ fuhr ich fort, „du entziehst dich mir, und du zeigst nur dadurch, daß du mir nicht vertraust. Hast du nicht einmal gesagt, du könntest mich lieben wie Julia?“ – Sie schwieg und schloß die Lider ganz. „Ich kann es nicht,“ flüsterte sie endlich beengt. – „Wenn ich dich aber nun so flehte, daß du nicht anders könntest, wenn ich weinte, wenn ich alles davon abhängig machen würde, – Schatz, du guter, könntest du dich dann immer noch weigern?“ – Sie sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. – „Du würdest nachgeben –?“ – „Ja.“ – „Aber dann, was dann?“ fragte ich leise, erschrocken von dem Ausdruck ihres Gesichts. – „Dann würde ich mir das Leben nehmen.“ – Ich fühlte, wie in mir etwas erstarrte. Aber sie blickte mich furchtlos an; nur ihre Finger zerrten krampfhaft an dem Saum meines Rocks. Und plötzlich fiel ihr Kopf auf die Lehne des Fauteuils zurück. Sie war ohnmächtig geworden.

21. März.

In den letzten Nachmittagen treffe ich regelmäßig Doktor Wendland. Ich unterhalte mich vortrefflich mit ihm. Er ist durchaus kein Arzt gewöhnlichen Schlages. Er weiß viel und bringt seinem Beruf eine bedeutende Persönlichkeit als Mitgift. Jene große Güte, die mich schon beim ersten Eindruck so sehr bestach, vereinigt sich mit einer schönen Freiheit des Urteils, und er prüft Herz und Nieren seiner Patienten nicht nur im medizinischen Sinn; er will wissen, was auch in der Seele Derer vorgeht, die sich ihm und seiner Wissenschaft anvertrauen. Der Mann wird es noch weit bringen.

(Später.)

Ich habe mich ein wenig mit Melys Schwester unterhalten. Ich war ganz allein im Hause als sie kam; denn Benders sind spaziren gegangen ... Ich bin nicht fähig, dieses Gespräch niederzuschreiben. Das Weib hat mein Herz schwer gemacht. Wie ein Wandrer die Nacht nahen sieht, ohne Hoffnung, das Ziel zu erreichen, so steh ich hülflos und verlassen auf ungebahnten Wegen und weiß nicht aus noch ein. Die Zweifel schrecken mich und quälen. Lange schon haben sie sich eingenistet in mir, und wenn ich ihnen jetzt nachspüre, muß ich sehen, wie die Schatten fester werden, lebendiger, überzeugender, bedrückender. O Mely komm! Deine Gegenwart nur, dein schmerzlich-inniges Lächeln kann die Gespenster vertreiben.

23. März.

Der Frühling ist da. Kühl war der Tag und die Sonne sinkt mit einem Strahlenfeuerwerk in die Tiefen des Westens. Die glänzenden Augen der Kinder rufen: Frühling! Die festlich glühenden Wangen der Jünglinge und Mädchen sprechen davon. Dichtes Gedränge erfüllt die Promenaden. Smaragdgrün leuchtet der Himmel herüber, am Horizont in ein tiefes, schwüles Rot übergehend. Den Fluß, den ich entlang wandelte, zog eine endlose Rauchwolke von zartem Braun wie der machtvolle Arm eines Riesen. Leiser Wind hub zahllose, kleine Wellen aus dem Wasser empor.