Ich bin krank. Fieber auf Fieber läuft in hastigen, kurzen Stößen durch meinen Körper. Brutal und herausfordernd starrten mir die Leute ins Gesicht. Und mir war, als seien sie alle frei, als sei die Seele aller voll Frühlingsglück und Festlichkeit, nur ich allein trug eine schwere Last auf dem Rücken, nur ich allein mußte leiden.
O, was ist vorgegangen mit mir!
(Nachts.)
Ein Mann wie Doktor Wendland lügt nicht. Das ist unmöglich. Weshalb sollte er auch. Er konnte ja gar nicht vermuten, daß dies „Fräulein Mirbeth“ die Inkarnation meiner Lebensfreude bildete. Er wußte ja gar nicht, daß ich sie überhaupt kenne ...
Habe ich recht gehört? Oder habe ich nur vernommen was ich zu hören wünschte und zu hören fürchtete? Habe ich eine ahnungslos hingeworfene Bemerkung gewaltsam mißverstanden? ein harmloses Gespräch böswillig nach einem gewollten Punkt geleitet? Nein und abernein. Das alles kam von selbst. Es ist das Schicksal, das mich packt und mir einen Stoß versetzt, daß ich zum Abgrund taumelnd, allen Halt verliere. Und daß dieses Schicksal die freundlichen und mitleidenden Züge des Doktor Wendland annahm, – welche Ironie! –
Das war keine von den dunklen Andeutungen. Er ist ihr Arzt und muß es wissen. Er hat mich auch zweifellos verstanden. Nachdem er es gesagt, ergriff er meine Hände und schaute mich stumm an. Sein Blick ging mir durch und durch.
Habe ich denn um Gottes willen recht gehört? Ist es möglich? ist es möglich? Bin ich belogen worden, hintergangen worden? Wo ist mein Schlaf hin, wo ist meine Ruhe? Was kümmert mich der Frühling, was schert mich die Sonne, die Blumen, die lachenden Kinder –! Dunkelheit liegt in meinem Herzen schwer und dicht. Melusine! – Sie hat diese an Güte so unerschöpflichen Augen, und sie hat mich betrogen. Sie hat diese Augen, strahlend in rührender Kindlichkeit, und sie lügt. Aber nein, ich habe mich getäuscht, ich habe den Doktor nicht verstanden. Ich will ihn wieder fragen. Ich will ihn beschwören um die Wahrheit. Wenn er seine Seele rein von Flecken halten will, möge er mir die Wahrheit sagen.
Thor! – Noch immer zweifelst du. Und zweifelst an der Gewißheit, nach der du vordem in zitternder Ungeduld haschtest. Warum weine ich nicht? Warum vergrabe ich den Kopf nicht in die Kissen und suche den Schlaf, den ewigen? Was will ich noch? Will ich die Bestätigung aus ihrem eignen Munde hören? Ich müßte mich schämen, so lange vertraut zu haben. Will ich mich rächen und zur Schußwaffe greifen, wie ich einst so pathetisch versprochen? Ist es möglich, daß die Sonne scheint, daß der Himmel so blau ist und daß es noch Dinge in der Welt gibt, worüber fröhliche Menschen sich freuen? Aber woher kommt es, daß ich schreiben kann, daß ich wohlgefügte Worte aufs Papier zu bringen noch fähig bin?