Findlingstraße 3b, II.

Am Abend ging sie hin. Sie wurde mehr von einer innern, unerbittlichen Macht getrieben, als daß sie freiwillig diesen Schritt that. Was um sie her auf den Straßen vorging, gewahrte sie nicht. Sie hatte nur Augen um das Unglück zu sehen, von dem sie heimgesucht wurde und das ihr immer größer und größer erschien.

Er öffnete auf ihr Läuten selbst die Korridorthüre. „Ach, ich habe gewußt, daß du kommst,“ murmelte er erbleichend und gab ihr die Hand.

Er führte sie in einen mit dumpfer, schwüler Pracht ausgestatteten Salon. In einer Art von altdeutschem Kamin flackerte das Feuer und der Duft von Tannenharz herrschte. Es brannte noch kein Licht: die züngelnden Flammen allein warfen gespenstige, ruhlose purpurne Lichtflecke in den Raum.

Mely setzte sich ermattet auf das untere Ende einer großen Ottomane. Falk trat zu ihr und zog die beiden langen Nadeln aus ihrem Hut, löste den Knoten des Schleiers, knüpfte das Jacquet auf und legte dann alles beiseite. Sie saß da, die gefalteten Hände in den Schoß gelegt und ließ ihn lautlos gewähren. Furchtsam, mit heißer Liebe und heißer Sehnsucht, sah sie zu ihm auf, bereit, ihm alles hinzugeben, was sie besaß. Aber ihre Gedanken waren nicht mehr traurig und beklommen. Sie dachte: Hier ist es schön wie in einem Schloß. So habe ich mir das Schwarzwaldschloß geträumt ... Aber plötzlich übermannte sie wieder die Bitterkeit in ihrer Brust. Ihr war, wie wenn eine starke Faust das Herz zusammenpreßte. Sie beugte sich nieder und legte den Kopf auf die verschränkten Arme.

„Ist es denn wirklich wahr?“ hörte sie jetzt seine Stimme und es fiel ihr auf, daß er so leise sprach und daß seine Stimme gütig klang.

Als sie nicht antwortete, ging er zu ihr und setzte sich neben sie. Er strich mit der Hand über ihr Haar und fragte noch ein Mal. Ein Schluchzen, das ihren Körper zusammenkrümmte, entrang sich ihr. Sie mußte die Kniee an den Leib ziehen, ihre Schultern preßten sich zusammen und dumpfe, ächzende, von dem weichen Stoff der Ottomane gedämpfte Laute wurden hörbar.

„So ist es also wahr? Mely? – Mely?“

„Nein, nein,“ flüsterte sie, und das klang wie aus weiter Ferne.

Er lächelte wie im Traum, verließ den Platz an ihrer Seite und kauerte sich in eine Chaiselongue vor dem Kamin. Er starrte ins Feuer, bis ihm die Augen übergingen. Dann vergrub er den Kopf in die Hände und langsam fiel eine Thräne nach der andern auf den Teppich.