Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh. Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher. Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.
In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm. Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«
Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.
In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht! hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.
Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle Bemühungen waren vollkommen vergebens.
Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor läutete.
Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern, sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte sich.
Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so weltfern und ohne Freude.
›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹
Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest der Natur.