»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten, Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«
Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!« – »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er, bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste, ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken. Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines Allesiebengradeseinlassens.«
Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen. Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen, wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen, daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.
»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm. »Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler. Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen. Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an, machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur Belohnung einen Fußtritt.«
›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten, Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag.
Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen.
Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den Tod gejagt habe.
Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe, als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften Bahn ein Ziel gesetzt.
Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich niedersinken.
Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah, erschlaffte jeder Nerv an ihr.