Stumm schaute sie zu Boden.
»Komm morgen,« sagte er befehlend.
Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg.
Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.
Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre, wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem flüchtigen Genuß zum Opfer falle.
Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause ausrichten.
»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen, besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.«
Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer verhüllt war.
Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen. Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt; die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm.
Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«