Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld, die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den Menschen, von den Menschen.

Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?

Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und vor allem sein Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes, richtendes Gesicht.

Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg, der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen die Welt zu verlieren.

Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching; Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.

Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden, da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle. Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen, meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten, Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder trocken und hölzern höflich, empfahl.

Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr zu enthalten.

Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können, doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?

Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen sie beschlich.

Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?«