Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine Nähe.
Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.
Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin, das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.
In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt. Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine Zuversicht nicht heben.
Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig, Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja, hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun ganz kalt und zugeschlossen.
Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber. Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln.
Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm, wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm, von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir, gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit solchen Aufträgen zu verschonen.«
Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen, werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr schlechtes Gewissen.«
Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie aufgerichtet hatte.
Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht, daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um; ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich. Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst, was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich verdunkelt.