Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.
Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank verdient.
Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim. Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an, man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er, vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus wohlerwogenen Gründen zurückweisen.
»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.
An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?
»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun, wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«
Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel oder Einwand von oben nicht zu fürchten.
Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog sich ganz in seine Villa zurück.
Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.
Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.