Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.«

Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?«

»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die Mutter.«

Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert Lamm.

In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung zur Anzeige gebracht.

Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden. Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.

Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung, die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus. Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.

Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens, Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt schützen sollte.

Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten, die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein Greis aus.

Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen, wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.