So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.
Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«
»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.
Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!
Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie von einem Ort der Sünde.
Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du? Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.
Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.
Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.
»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.
Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms Villa fahren.