Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.

Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«

Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die Wucht von Erfrorenem.

Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?

Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen können.«

»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«

Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«

Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.

»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit mir und schau’ sie an.«

Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben an ihre Wichtigkeit haben.«