Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar wurde.
Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«
Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«
»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,« warf Olivia ein.
Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«
»Das laß meine Sorge sein.«
»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«
»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der jetzt nicht hilft.«
Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die Zeit nicht.«
Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.