Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.

Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein durfte.

Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.

Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.

Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend blaue Himmel trat hervor.

In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.

Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.

Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das Gebirge.

Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, die im Feuer glühen.

Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich eine herzlose, fanatische Schadenfreude.