Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«
Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen Pranken hielt.
Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die Finsternis.
Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.
In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll verwandelt.
»Olivia,« murmelte er vor sich hin.
Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.
Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.
Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.
Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr er in die Stadt.