Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.

Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und verlor den Zusammenhang.

Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.

Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.

Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen Ort.

Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten stehen.

In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die Faust und lächelte düster.

Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.

Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa anlangte.

Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden gelehrt hatte!