Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.

Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.

Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«

Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was dreinzureden, dünkt mich!«

»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.

Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich zusammengeschaudert.

Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen Schrei.

»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man kann nicht mehr leben in dem Haus.«

Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert Lamm erkannte, war Olivia.

Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.