Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert Lamm den Kopf.

Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt worden war.

Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht hatte.

In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.

Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.

Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.

Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.

»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«

Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich von mir?«

Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.