Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines Lebensgartens gepflanzt hatte.
Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.
Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.
Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und ging zu Frau Khuenbeck.
Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, das trug sie ihm nach.
Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt wurde.
»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten Dingen zu?«
Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.
»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«
»Märchen,« warf Robert Lamm hin.