»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«

»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« bemerkte Lamm trocken.

Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind eine schreckliche Sünde.«

Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«

»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«

Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich verkündigen zu können.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«

Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«