»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen nenne ich es die Metempsyche.«

Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«

»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so etwas nicht zum zweitenmal.«

»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, »ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«

Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie sich dazu?«

»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«

»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich Ihnen nicht herein!«

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, nicht verhehlen kann, wohin der Weg führt, den sie geht.«

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.

»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.