Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«
»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich blieb?«
»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.
»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«
»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne Grenze ist.«
»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.
Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst heißt das, nur von sich selbst.«
Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«
Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«
»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die Logik im Stich.«