»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt zurück.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.

Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine Wüstenei verwandelte.

Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.

»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.

Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das alles nun vorbei war.

Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging das zu?

Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«

Woher kam ihm dieser Heroismus?

Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand, und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.