Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen: Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung, als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu ziehen.

Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.

Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.

Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo ist Trost?

Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.

Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden, vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte oder Geduld einflößte.

Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.

Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der von überallher tönenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«