Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter. Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den Kopf und ging weiter.

Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen, wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.

Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte. Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.

Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.«

»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.

Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.

Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.

Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.

Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und lauschte dem Herzschlag.

War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.